Ausstellung "View from above" am 28. März 2026 | Nürnberg, Breite Gasse 89–91, Website: viewfromabove.art
Marcus Mattlener
seit 2003 großer Fan der Physik (leider erst zum Ende meiner schulischen Laufbahn), angefangen hat alles mit "Das Universum in der Nussschale" auf der Treppe meiner Schule – es folgten etliche weitere Bücher über Astrophysik und Quantenmechanik - 2019 erstes visuelles Teleskop (200/1000 Newton), 2021 erste fotografische Ausrüstung (EQ6, 150/750 Newton, astromodifizierte DSRL), 2024 Update der fotografischen Ausrüstung (Weitwinkel-Apo, gekühlte Astrokamera -> asi2600MC, Astrocomputer)
Erster Teil: Technik, Ausbildung und das Leben im All
Der erste Abschnitt der Ausstellung hat mich ehrlich gesagt am meisten überrascht – nicht weil ich nichts erwartet hatte, sondern weil die Tiefe des technischen Inhalts über das hinausging, was ich von einer Wanderausstellung erwartet hätte.
Die Ausstellung erzählt die Reise eines Astronauten von der Ausbildung über das Leben an Bord der Internationalen Raumstation bis hin zum überwältigenden Blick auf unseren Planeten aus 400 Kilometern Höhe. Dieser Bogen wird im ersten Teil sehr konkret aufgespannt. Die Astronautenausbildung wird nicht als Heldengeschichte inszeniert, sondern sachlich dargestellt: jahrelange Selektion, wissenschaftliche Grundlagenausbildung, Simulatortraining, Überlebenstraining – der Weg zur ISS ist ein langer, systematischer Prozess.
Besonders beeindruckt hat mich die Sektion zu den Raumanzügen. Die begleitende Sonderausstellung „Inside the Suit“ des Hermann-Oberth-Raumfahrtmuseums macht die Entwicklung des Raumanzugs mit originalen Exponaten sichtbar. Als jemand, der sich für Technik interessiert, war das für mich einer der stärksten Momente der gesamten Ausstellung. Ein moderner Raumanzug ist kein Schutzanzug im klassischen Sinne – er ist ein vollständig autonomes Lebenserhaltungssystem: Druckregulierung, Sauerstoffversorgung, Temperaturkontrolle, Kommunikation. Alles integriert in eine Hülle, die gleichzeitig beweglich genug sein muss, um Außeneinsätze an der ISS zu ermöglichen.
Genauso fesselnd war der Einblick in die Lebenserhaltungssysteme der Station selbst: Wasserrecycling, CO₂-Filterung, Sauerstoffgenerierung per Elektrolyse. Auf der ISS ist jede biologische Funktion der Besatzung Teil eines technischen Kreislaufs. Das macht einen nachdenklich – und auch ein bisschen ehrfürchtig vor dem, was dort oben täglich funktionieren muss.
Zweiter Teil: Die Erde als das eigentliche Kunstwerk
Der zweite Teil hatte einen anderen Charakter – ruhiger, weiter. Und er hat mich stärker berührt als erwartet.
Terry Virts verbrachte insgesamt 213 Tage im All, unternahm über 19 Stunden Weltraumspaziergänge und fertigte dabei mehr als 300.000 Aufnahmen unseres Planeten an. Präsentiert in abgedunkelten Räumen – und man merkt schnell: Terry Virts ist zwar der Fotograf, aber der eigentliche Künstler ist die Natur selbst.
Die Mäander eines Flusses durch eine Wüstenebene. Das Grün der Polarlichter über dem Atlantik. Die fraktale Geometrie von Korallenriffen unter der Wasseroberfläche. Keine dieser Kompositionen wurde entworfen – sie entstanden völlig alleine über Jahrmillionen aus dem,“Chaos“ und dem Drang der Natur zur maximalen Entropie.
Das erinnert mich unweigerlich an Carl Sagans berühmte Reflexion über die Voyager-1-Aufnahme von 1990 – den „Pale Blue Dot“. Sagan beschrieb unseren Planeten damals als einen winzigen, blassen Punkt im Dunkel des Kosmos und zog daraus eine klare Schlussfolgerung: Es gibt nichts außerhalb dieses Punktes, das uns retten wird. Alles, was wir haben und kennen, befindet sich auf dieser einen Oberfläche. Was Sagan sprachlich formulierte, macht „View From Above“ visuell erfahrbar. Man braucht keine Bildunterschrift, die erklärt, warum dieser Planet es wert ist, ihn zu bewahren. Die Bilder sagen das selbst.
Die Cupola der Internationalen Raumstation – das siebenfensterige Aussichtsmodul der ISS – war Terry Virts‘ wichtigste Kameraposition. Museen Ursprünglich primär für Andockmanöver und den Roboterarm der Station konzipiert, wurde dieses technische Interface zur Plattform für eine neue Ästhetik der Erdbetrachtung. Ich finde das bemerkenswert: Ein Ingenieursbauwerk wird zum Fenster in etwas, das man kaum anders als Schönheit nennen kann.
Fotografischer Teil der Ausstellung
Wer noch hin möchte – praktische Infos
Die Ausstellung läuft noch bis zum 26. April 2026, täglich von 10 bis 18 Uhr, in der Breiten Gasse 89–91 in Nürnberg Hugo-info – direkt in der Fußgängerzone, U-Bahn-Station Weißer Turm. Der Besuch dauert in der Regel 60 bis 90 Minuten; wer den Audioguide vollständig nutzt, kann auch drei Stunden verbringen. Viewfromabove Den Audioguide würde ich ausdrücklich empfehlen – er wird von Terry Virts selbst gesprochen und gibt den Exponaten einen persönlichen Kontext, den man sonst nicht bekommt. Eigene Kopfhörer mitbringen.
Nach Stationen in Graz und Augsburg ist Nürnberg die dritte und aktuell letzte bekannte Station der Wanderausstellung in der deutschsprachigen Region. Raumfahrer.net Weitere Termine in Deutschland sind bisher nicht angekündigt.
Wer Interesse hat: Tickets gibt es online unter viewfromabove.art oder an der Tageskasse vor Ort.
