Geschichte des OHL

 

Das Observatorium Hoher List (OHL) war die Sternwarte des Argelander-Instituts für Astronomie der Universität Bonn. Schon als Preußen im Jahre 1818 die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn gründete, wurde der Philosophischen Fakultät ein Lehrstuhl für Astronomie angegliedert. Zwischen 1839 und 1845 wurde außerhalb der Stadt an der Poppelsdorfer Allee, die das Bonner Stadtschloss mit dem Lustschloss Clemensruhe (heute: Poppelsdorfer Schloss) verbindet, unter dem großen Astronomen Friedrich Wilhelm August Argelander (1799-1875) die Bonner Sternwarte errichtet.

Bilder oben: Die Bonner Sternwarte an der Poppelsdorfer Allee, Stahlstich um 1850 und Photo 1893.

Die Stadt Bonn ist im Laufe der Jahre weit über die Sternwarte hinausgewachsen, ja diese liegt heute praktisch im Stadtzentrum, so dass im Lichtermeer und unter der Dunstglocke der Großstadt keine sinnvollen astronomischen Beobachtungen mehr möglich waren. Im Jahre 1950 fasste man daher den Beschluss, außerhalb Bonns auf der flachen, 549m hohen Kuppe "Hoher List" bei Schalkenmehren im Kreis Daun eine Außenstation zu errichten.

Unter Direktor Friedrich Becker (1900-1985) und seinem Assistenten Hans Schmidt (1920 – 2003), später erster Leiter der Sternwarte, wurden insgesamt 8 ¼ Hektar von der Gemeinde Schalkenmehren und Privateigentümern erworben und von 1950 – 1954 die Sternwarte errichtet. Das Hauptgebäude schmiegt sich in leichtem Schwung dem Hang des Hohen List an seiner Südostseite an. Drei Beobachtungstürme wurden dem Gebäude angefügt, ein vierter, kleiner Turm wurde von Hans Schmidt etwas oberhalb an den Berg gesetzt. Ein Wohnhaus vervollständigte das Ensemble.

Als erstes Hauptinstrument wurde ein nach dem Hamburger Optiker Bernhard Schmidt benannter Schmidt-Spiegel von 50 cm Durchmesser erworben, das erste größere Teleskop seiner Art, das Himmelsaufnahmen mit einem großen Blickwinkel erlaubt.

Eine weitere Kuppel nahm den Bonner Doppelrefraktor auf. Der einmalige Besitz von fotografischem Material aus der Zeit um 1900 macht den Bonner Doppelrefraktor zu einem wissenschafts-historisch einmaligen Gerät.

 

Bilder oben: Links der historische Repsold 30/36 cm Doppelrefraktor von 1899 und rechts das 34/50 cm Askania Schmidt Teleskop (beide Bilder © M. Geffert)

Nachdem das Teleskop schon zu Beginn in seiner Bonner Zeit (1899 - 1966) das bedeutendste Fernrohr der Rhein-Ruhr Region war, erlangte das Teleskop zum Ende des letzten Jahrhunderts erneut eine große Bedeutung. 1967 wurde das Teleskop am Observatorium Hoher List nahezu unverändert aufgestellt, um durch den exakten Vergleich der alten und neuen Aufnahmen Sternbewegungen zu erforschen. Etwa 30 referierte Arbeiten aus den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts belegen die internationale Bedeutung dieser Arbeiten, die auf den alten hundertjährigen Fotoplatten beruhen.

Bild oben: Das Observatorium Hoher List im Frühsommer 2002. Untern links sieht man die Kuppel des 1-Meter-Teleskopes mit dem angrenzenden Elektroniklabor. Im Zentrum liegt das einstöckige Wohnhaus, darüber links das Hauptgebäude mit drei Kuppeln, darüber die kleine Kegeldachhütte des Schröder Refraktors und rechts vom Hauptgebäude der kleine Wohnbungalow für Gäste. Ganz rechts erhebt sich die Kuppel des Doppelrefraktors, an die sich links die feinmechanische Werkstatt anschließt.

Das Hauptgebäude erwies sich bald als zu klein, und ein modernes Teleskop wurde immer dringender gewünscht. So wurde der Hohe List zwischen 1962 und 1965 um zwei große Türme, deren Kuppeln je 8.5 m Durchmesser besitzen, erweitert. An die Türme wurden die feinmechanische Werkstatt und das neue Elektronik-Laboratorium angebaut. Für die Unterbringung auswärtiger Gastbeobachter wurde zudem ein Wohnbungalow mit fünf Zimmern errichtet. In einer der Kuppeln wurde der 1899 von der Firma Repsold in Hamburg gebaute Bonner Doppelrefraktor neu aufgestellt. Dieses Linsenfernrohr vereinigt gleich zwei Teleskope in einem Rohr, eines für Beobachtungen mit dem Auge, das andere für photographische Aufnahmen. Für die zweite neue Kuppel wurde ein modernes Nasmyth-Cassegrain Spiegelteleskop erworben, das "1-Meter-Teleskop". Der Hauptspiegel mit einer Öffnung von 106 cm wurde von den Askania-Werken in Berlin gefertigt. Die Gabelmontierung und der Gittertubus des Teleskops, also der mechanische Aufbau, wurden von Ing. B.G. Hooghoudt aus Leiden entworfen (der auch am Bau des 100m-Radioteleskop in Effelsberg beteiligt war) und von der Firma Rademakers (Rotterdam) gebaut. Die gesamte Elektrik (Steuerung etc.) übernahm die Firma Wesemann (Rotterdam). Die Optik erwies sich als qualitativ sehr hochwertig (λ/7 Wellenfront, Strehl 95%).

Die elektrische Steuerung wurde Anfang des 21. Jahrhunderts auf eine zeitgemäße, moderne Computersteuerung umgerüstet, um das Teleskop auch ferngesteuert nutzen zu können. Diese Computersteuerung in Verbindung mit der hochpräzisen Antriebsmechanik sorgen für eine dermaßen genaue Kompensation der Erddrehung, daß Laufkorrekturen während einer Belichtung völlig unnötig sind!

Bild oben: Das 106cm-Askania-Spiegelteleskop in der parallaktischen Gabelmontierung. Im Jahre 2012 wurde vom Argelander Institut der Universität Bonn der Beobachtungs- und der studentische Ausbildungs- und Übungsbetrieb am Hohen List eingestellt und der Betrieb des Teleskopes von der AVV übernommen.

 

Weitere Bilder zum Hohen List, zu den Geräten und zu der Geschichte des Observatoriums finden sie in der Galerie auf unserer Forumsseite. Wer den Bericht von Herrn Prof. Dr. Hans Schmidt über die Erkundung des Hohen List und die Gründung des Observatoriums lesen möchte, sei auf seinen Originalbericht verwiesen, welcher eine wirklich spannende und unterhaltsame Lektüre aus den Pionierzeiten darstellt.

 

 

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